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China – so lautet meist die Antwort auf die Frage nach dem attraktivsten Ziel für Investitionen in Wachstumsmärkten. Eine neue Studie der Beratungsfirma A.T. Kearney zeigt jedoch, dass das Reich der Mitte ganz offensichtlich einen Teil seiner Anziehungskraft verloren hat: Die Global Player des Einzelhandels nehmen jetzt andere Länder ins Visier.
Die Studie, die A.T. Kearney jedes Jahr aufs Neue erstellt, trägt den Titel Global Retail Development Index (GRDI). Dabei befragen die Consultants die Manager internationaler Handelskonzerne nach der Attraktivität von 30 Wachstumsmärkten.
Überraschendes Ergebnis der aktuellen Studie: Brasilien ist das attraktivste Investitionsziel für den Einzelhandel. Auf den Plätzen zwei und drei landen Uruguay und Chile. Indien fällt auf Platz vier. Es folgen Kuwait, China, Saudi-Arabien, Peru, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Türkei.
Insbesondere die Wirtschaftskrise und die jüngsten politischen Unruhen im Mittleren Osten und Nordafrika zeigen: Für Handelsunternehmen kommt es mehr denn je auf Flexibilität und eine langfristige Expansionsstrategie an. International zu expandieren sei für die Konzerne zu einem „Portfolio-Spiel“ geworden, so A.T. Kearney in einer Mitteilung an die Medien. Langfristig würden nur die Unternehmen mit dem richtigen Mix aus Expansionszielen, Handelsformaten und Geschäftsmodellen erfolgreich sein, so das Beratungshaus.
„Für den internationalen Handel gibt es für eine Expansion schon längst nicht mehr ein einziges Patentrezept“, sagt Mirko Warschun, bei A.T. Kearney im deutschsprachigen Raum verantwortlich für die Beratung von Klienten aus der Konsumgüterindustrie und dem Handel. Jedes Land befinde sich in einem anderen Entwicklungsstadium und verfüge über ganz besondere Risiken und Herausforderungen, so der Experte. Warschun rät den Handelsunternehmen, ihre Eintritts- und Expansionsstrategien genau auf die Gegebenheiten vor Ort abzustimmen und kurzfristige Risiken und langfristige Ziele gegeneinander abzuwägen
Südamerikanische Länder führen Ranking an
Was Brasilien für Handelsunternehmen so attraktiv macht, ist das fünfprozentiges Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Ein ähnlich hohes Wachstum erwarten die Experten von A.T. Kearney auch für die nächsten fünf Jahre. Hinzu kommen eine große und sehr urbane Bevölkerung sowie steigende Einzelhandelsumsätze. Aber auch durch die von der brasilianischen Regierung vorgesehenen substanziellen Investitionen in die Infrastruktur sind die Zuflüsse ausländischer Finanzmittel enorm gestiegen. Allein die beiden anstehenden Sportgroßereignisse – die FIFA-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele im Jahr 2016 – versprechen Investitionen in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar.
Auch deutsche Unternehmen richten ihren Blick verstärkt nach Brasilien: So hat sich beispielsweise C&A inzwischen mit rund 170 Filialen in Brasilien etabliert. Zudem plant die Otto Group, eine Mehrheitsbeteiligung an einem brasilianischen Partnerunternehmen zu übernehmen.
Uruguay ist Brasilien dicht auf den Fersen und kletterte im Ranking vom achten auf den zweiten Platz: Im Jahr 2010 verzeichnete das Land ein beeindruckendes BIP-Wachstum von 8,5 Prozent. Das mit einer Bevölkerung von 3,4 Millionen eher kleine Land ist sehr urban geprägt. In Verbindung mit äußerst positiven makroökonomischen Bedingungen ist es insbesondere für jene Handelsunternehmen interessant, die in einem eher abgetrennten und somit besser kontrollierbaren Markt agieren möchten, um beispielsweise Formate zunächst in Uruguay zu testen, bevor sie in andere südamerikanische Märkte eintreten.
Auch Chile hat sich von der Rezession im Jahr 2009 gut erholt und steht laut Studie als einer der wichtigsten und vielversprechendsten Wachstumsmärkte Lateinamerikas auf Platz drei. Es wird erwartet, dass der Handelssektor im Jahr 2011 um 10 Prozent wachsen wird. Die Attraktivität Chiles steht nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den von der Regierung geschaffenen Maßnahmen, den Konsum anzukurbeln: Diese schlagen sich in einem 5,2-prozentigen BIP-Wachstum im Jahr 2010 und einem zu erwarteten Anstieg auf 6,1 Prozent im Jahr 2011 nieder.
Mittlerer Osten: verhalten-optimistische Prognose für politisch instabile Regionen
Aber auch der Mittlere Osten und Nordafrika bieten gute Wachstumschancen. So hat A.T. Kearney den Libanon auf Platz elf seines Rankings gesetzt, Ägypten auf Platz 12 und Tunesien auf Platz 19.
„Ägypten, Tunesien und der Libanon haben durch die jüngsten politischen Entwicklungen als kurzfristiges Expansionsziel an Attraktivität verloren. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Lage mittel- bis langfristig wieder stabilisiert. Handelsunternehmen müssen kurzfristige Pläne für einen Markteintritt genau abwägen und die weiteren Entwicklungen in der Region genau beobachten“, so Warschun. So möchte zum Beispiel die Metro Group weiter an ihren Cash und Carry-Standorten in Ägypten festhalten, auch wenn es dort Anfang des Jahres zu Plünderungen gekommen ist.
Insgesamt sind die Länder im Mittleren Osten wegen ihrer großen wirtschaftlichen Stabilität und ihrer guten Integration in die Weltwirtschaft langfristig dennoch interessante Zielmärkte für Handelsunternehmen. So hat sich die Region relativ schnell von den Folgen der Wirtschaftskrise erholt. In vielen Ländern wird ein drei- bis fünfprozentiges BIP-Wachstum, aber auch steigende Einzelhandelsumsätze erwartet. Diese werden insbesondere von einer kaufkräftigen und modeinteressierten Bevölkerung in den Städten, einer wachsenden Mittelschicht und Investitionen in die Infrastruktur getrieben. Zudem weist die Region eine außergewöhnlich junge Bevölkerung auf: Über 60 Prozent der Einwohner sind zwischen 15 und 39 Jahren alt. Kuwait (5.), Saudi-Arabien (7.) und die Vereinigten Arabischen Emirate (9.) – sie alle sind in diesem Jahr unter den Top 10 – haben von den Unruhen ihrer Nachbarn kaum etwas zu spüren bekommen und sind weiterhin stabil.
Die Türkei steigt auf
Erstmals unter den zehn attraktivsten Zielländern für Handelsinvestitionen ist in diesem Jahr die Türkei, die um acht Plätze auf Rang zehn hochgeklettert ist. „Der türkische Markt weist ein enormes Potenzial auf, auch wenn der Wettbewerb sehr groß ist. Wachstum und Konsolidierung werden das Bild in den nächsten Jahren prägen“, so Warschun.
Viele internationale Spieler haben das Land bereits für sich entdeckt: So ist neben Carrefour auch die Metro Group mit Real SB-Warenhäusern in der Türkei vertreten. C&A plant seine 24 Filialen um weitere zehn zu erweitern und der Schuhhändler Deichmann, der bereits 2010 44 Filialen in der Türkei eröffnet hat, will 8,5 Millionen US-Dollar in weitere 20 Geschäfte investieren. Ziel ist, in zehn Jahren über ein Filialnetz von 200 Geschäften zu verfügen.
Die Türkei hat sich gut von der wirtschaftlichen Rezession erholt und weist 2010 mit 8,9 Prozent ein hohes BIP-Wachstum auf. Das Land profitiert von einer sehr urban geprägten Bevölkerung und davon, dass immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen. Insbesondere in Istanbul und anderen großen türkischen Städten wächst die Nachfrage nach Convenience Shopping und die Zahl der Einkaufszentren steigt. Viele Handelsunternehmen investieren aber auch in mittelgroßen und kleineren Städten, um ihre Marktchancen zu verbessern.
China und Indien fallen zurück, bleiben aber attraktiv
China, im letzten Jahr noch Spitzenreiter, ist auf Platz sechs gefallen, Indien von drei auf Platz vier. „Die Wachstumsperspektiven für Südostasien sind jedoch weiterhin sehr gut, auch wenn sich der Fokus zunehmend von den Metropolen hin zu mittelgroßen und kleineren Städten verlagert“, so Warschun: „Die Handelsumsätze sind auf einem stabilen Niveau, das Verbrauchervertrauen wächst und auch Inlandsnachfrage und Exporte steigen. In diesem Jahr war die Konkurrenz aus Südamerika allerdings zu groß.“
Insbesondere auch deutsche Handelsunternehmen richten ihren Blick weiter nach Südostasien, was das China-Engagement von Media Markt zeigt. Aber auch in Indien plant die Metro Group in den nächsten fünf Jahren 50 Cash und Carry-Märkte, das britische Unternehmen Marks & Spencer hat für den selben Zeitraum 50 Outlets in Indien angekündigt. Aber auch die einheimischen Einzelhändler bleiben dominant: So will der führende indische Einzelhändler Reliance Retail im nächsten Jahr 150 Filialen für Bekleidung und Accessoires eröffnen.
„Das Beispiel Indien zeigt, dass einheimische und ausländische Handelsunternehmen die Wirtschaftskrise genutzt haben, ihre Portfolios zu optimieren und ihre Profitabilität zu steigern. Sie haben durch die Krise gelernt, die Vorteile des indischen Marktes besser auszuschöpfen und vielfach ihre Wachstumsstrategien überdacht“, so Warschun: „So haben viele einheimische Handelsunternehmen ihre oftmals aggressiven Expansionspläne zugunsten einer langsameren und fokussierteren Expansionsstrategie verworfen.“
Für ausländische Händler mit einer Single-Brand-Strategie gilt es bei einem Markteintritt in Indien jedoch zu beachten, dass sie aufgrund der gesetzlichen Vorschriften für ausländische Direktinvestitionen weiterhin auf einheimische Partner oder Joint Ventures angewiesen sind.
Osteuropa verliert an Gewicht
Auch wenn Russland in diesem Jahr um vier Plätze auf Rang 14 abgerutscht ist, bleibt es dennoch eines der wichtigsten osteuropäischen Länder. Stetig steigende Einkommen und eine wachsende Mittelschicht bieten Wachstumspotenzial insbesondere für Handelsunternehmen, die eine langfristige Marktstrategie verfolgen. Der fragmentierte Einzelhandelsmarkt in Russland bietet zudem insbesondere für lokale Handelsunternehmen attraktive Wachstumschancen durch Fusionen und Übernahmen.
„Wir gehen davon aus, dass vor allem die größeren lokalen Spieler in Russland nationale und mittelgroße regionale Unternehmen übernehmen werden. Für ausländische Unternehmen hat es sich aus lobbyistischen Gründen als schwierig erwiesen, lokale Unternehmen zu akquirieren“, so Warschun.
Laut Studie hat sich Albanien weiter nach vorne gearbeitet und konnte sich einen Platz vor Russland platzieren (13.). Mit Kasachstan (15.) und Bulgarien (30.) sind zudem zwei weitere osteuropäische Länder vertreten.
atk/pan
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