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Ernst & Young: Gefahr der Geldknappheit wird unterschätzt Drucken E-Mail
30. November 2009
Kreditklemme? Fragt man in den Führungsetagen deutscher Banken herum, so könnte man meinen, der Begriff sei dem Althebräischen entlehnt. Aber nicht nur die Banker, auch viele Unternehmen spielen die Gefahr eines Liquiditätsengpasses herunter. Das belegt eine Studie, die Ernst & Young jetzt veröffentlicht hat.

Für die Studie hat die Wirtschaftsprüfungsfirma Führungskräfte von 120 Banken und 550 Unternehmen aus allen wesentlichen Branchen befragt. Ergebnis: Sowohl bei den Banken als auch bei den Unternehmen glaubt die Mehrheit, dass auch künftig Kredite in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Genauer: 70 Prozent der Banken und 57 Prozent der Unternehmen sind davon überzeugt, dass es in den nächsten zwölf Monaten nicht zu einer Kreditklemme kommt.

Baugewerbe und Autoindustrie

Nur vier Prozent der Befragten in den Banken und 18 Prozent der Teilnehmer in den Unternehmen rechnen mit einer flächendeckenden Unterversorgung – rund ein Viertel der Befragten in beiden Gruppen geht davon aus, dass es zu Engpässen in einzelnen Branchen kommen wird. Am stärksten gefährdet erscheint den Banken das Baugewerbe, den Unternehmen die Automobilindustrie.

Laut Studie schätzen die Banken ihre eigene finanzielle Kraft hoch ein. Aber: „Ob sie der Kreditnachfrage des kommenden Aufschwungs wirklich gewachsen sind, wird sich zeigen, wenn es so weit ist“, sagt Joachim Spill, Managing Partner und verantwortlich für den Bereich Transaktionsberatung bei Ernst & Young.

Seine Skepsis begründet der Experte wie folgt: Etwa 60 Prozent der von Ernst & Young befragten Banken glauben, dass die Nachfrage nach Unternehmenskrediten in den nächsten zwölf Monaten steigen wird; doch nur 40 Prozent von ihnen wollen die Neukreditvergabe in dieser Zeit erhöhen. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Banken ihre Kredite zunehmend an andere Finanzdienstleister vergeben. Bereits für September 2009 berichtete die Europäische Zentralbank erstmals von einem Rückgang der Kredite an Unternehmen außerhalb dieses Kreises.

Alle rechnen fest mit dem Aufschwung

Doch die wachsende Kreditnachfrage der Realwirtschaft zeichnet sich bereits klar ab. Jedes dritte der befragten Unternehmen will seine Investitionen bereits in den nächsten zwölf Monaten erhöhen, gut jedes zweite das Investitionsniveau beibehalten.

„In Anbetracht der aktuellen Lage sind die Unternehmen sehr optimistisch gestimmt“, sagt Ana-Cristina Grohnert, Partner bei Ernst & Young.

Tatsächlich finden sich bei Unternehmen wie Banken klare Mehrheiten, die einen Aufschwung innerhalb der nächsten 18 Monate erwarten: „Wir empfangen aus mehreren Branchen Signale, dass ihre Auftragskurven die Talsohlen wohl erreicht haben“, so Grohnert. „Umso dringender stellt sich die Frage, ob die Banken auf die steigende Nachfrage vorbereitet sind. Schließlich gilt es nicht nur, die Investitionen zu finanzieren, sondern auch den Vorlauf der später wieder steigenden Umsätze.“

Dabei könnten die Banken durchaus auf Schwierigkeiten stoßen. Denn die Mehrheit von ihnen sieht in den kommenden zwölf Monaten keine Verbesserung ihrer – schon gegenwärtig nicht komfortablen – Refinanzierungsmöglichkeiten. Speziell die Situation am Markt der Unternehmensverbriefungen ist wenig ermutigend. Da Verbriefungen – wenn auch lediglich aus der Immobilienfinanzierung – als Auslöser der weltweiten Finanzkrise gesehen werden, ist dieser Markt derzeit fast völlig zum Erliegen gekommen.

Spielraum bleibt eng

Damit bleiben die Spielräume für Neukredite vergleichsweise eng. Der gute Wille der Banken, die Kreditvergabe auszuweiten, nützt wenig, solange die Eigenkapitalbasis möglicherweise nicht ausreicht“, so Grohnert.

Zwei Drittel der Unternehmen stellen sich darauf ein, dass es schwieriger wird, die laufenden Kreditlinien und -verträge nach Ablauf zu verlängern. Die Mehrheit rechnet mit kürzeren Laufzeiten, höheren Nebenkosten, Kündigungen von Krediten und Kreditlinien.

Die Banken sehen das weniger kritisch. 62 Prozent sind der Meinung, dass sich an ihrer Bereitschaft, Kredite zu verlängern, nichts ändern wird, beziehungsweise dass Prolongationen sogar leichter zu erhalten sein werden. Lediglich bei den Anforderungen an Dokumentation und Sicherheiten sind sie sich mit den Unternehmen einig: 49 Prozent halten eine Verschärfung für notwendig, drei Viertel der Unternehmen sehen sie kommen.

Ich denke, dass die Unternehmen Recht behalten werden: Kaum ein Kreditvertrag wird ohne große Veränderungen in die nächste Runde gehen. Die Unternehmen sollten die kommenden Verhandlungen sorgfältig vorbereiten“, empfiehlt Grohnert.

Unternehmen stellen sich besser auf

Angesichts des knappen Angebots machen sich die Unternehmen zunehmend Gedanken, wie sie ihre Chancen auf Kredite in der Zukunft verbessern können. 44 Prozent der Unternehmen wollen ihre Unternehmensplanung und -kontrolle verbessern. Die Erhöhung des Eigenkapitals steht für 38 Prozent der Unternehmen auf der Agenda, jeweils 35 Prozent wollen ihre Ratingkennzahlen und das Liquiditätsmanagement verbessern.

„Viele Unternehmen müssen ihre Anstrengungen verstärken, um bei den Banken das Vertrauen in ihre Kreditwürdigkeit zu schaffen oder zu stärken. So gesehen könnte die Enge am Kreditmarkt durchaus eine heilsame Wirkung haben“, so Grohnert.

Die Frage, ob sie auf alternative Finanzierungsinstrumente ausweichen sollten, stellt sich der Mehrheit der Unternehmen gleichwohl nicht. So hält lediglich ein Viertel der befragten Firmen Unternehmensanleihen und Schuldscheine für einen ernst zu nehmenden Ersatz für Bankkredite. Allerdings: Anleihen kommen in erster Linie für größere Unternehmen in Betracht. 70 Prozent der befragten Firmen setzen aber nur bis zu 50 Millionen Euro um.

Nur in geringem Ausmaß

Hinzu kommt, dass Anleihen in der deutschen Wirtschaft zwar lange bekannt, sich aber nur in geringerem Ausmaß etabliert haben“, erläutert Grohnert. „Noch vor ein oder zwei Jahren hätte die Zustimmungsquote eher im kleinen einstelligen Bereich gelegen.“

Aber auch beim Blick auf andere Alternativen zeigen sich die Unternehmen ausgesprochen konservativ. Gut zwei Drittel der Unternehmen, die den Einsatz alternativer Finanzierungsinstruments planen, setzen nach wie vor auf das altbewährte Leasing. Jedes vierte Unternehmen nutzt das Factoring, die Abtretung seiner Forderungen an einen Finanzdienstleister, der dafür umgehend zahlt – mit einem Abschlag. Immerhin planen doch schon 18 Prozent, Anleihen zur Finanzierung einzusetzen.

e&y/pan

 


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