|
Fragt man einen Deutschen, ob er mit dem Gesundheitswesen zufrieden sei, sagt er brav ja. Zunächst jedenfalls. Wer jedoch nachhakt, so wie jetzt die Experten der Prüfungsfirma Deloitte, bekommt schnell jede Menge Kritik zu hören.
Laut Deloitte sind 62 Prozent der Deutschen mit dem Gesundheitssystem zufrieden. Dennoch erwarten die Bürger deutliche Verbesserungen in der Versorgung sowie Kostensenkungen im System.
Das ist das wichtigste Ergebnis der Studie „2010 Global Survey of Health Care Consumers“. Deloitte hat hierfür jeweils mindestens eintausend Bürger befragen lassen, und zwar in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Kanada sowie den USA.
Kunde statt Patient
„Das deutsche Gesundheitswesen darf den Bürger nicht länger als Patienten sehen, sondern muss ihn vielmehr als Kunden wahrnehmen“, sagt Prof. Peter Borges, Partner im Bereich Gesundheitswesen bei Deloitte.
„Die Bevölkerung erwartet mehr Dienstleistung bei sinkenden Kosten – doch dazu müssen die Deutschen mehr auf ihren Lebensstil achten, Behandlungspläne einhalten und aktiver an Prävention sowie Behandlungsvor- und -nachsorge beteiligt werden“, so der Experte.
Laut Selbsteinschätzung der Befragten in Deutschland ist ihr Gesundheitszustand mehrheitlich gut (39%) bis ausreichend (31%), die Altersgruppe 45 bis 64 hingegen beurteilte die persönliche Gesundheit als überwiegend ausreichend oder sogar schlecht (48%).
Über die Hälfte hat eine oder mehrere chronische Krankheiten – im internationalen Vergleich ist dies die höchste Prävalenz. Dennoch besuchte 2009 lediglich knapp ein Viertel der Betroffenen ein Behandlungsprogramm für chronisch Kranke – eine geringe Zahl im Vergleich etwa zu Kanada, wo immerhin ein Drittel der Befragten diese Programme absolvierte.
Die Mehrheit der Deutschen fordert finanzielle Anreize oder Prämienabschläge beim Besuch strukturierter Behandlungsprogramme – dies würde die Teilnahmebereitschaft um rund 84 Prozent erhöhen.
Gute Noten für die Infrastruktur
Das deutsche Gesundheitssystem wird lediglich von 17 Prozent der Befragten mit „sehr gut“ oder „gut“ beurteilt. Überwiegend gute Noten gab es jedoch für die medizinische Infrastruktur und die Informationstechnologie in den Einrichtungen.
Verbesserungsbedarf besteht laut Studie vor allem bei Zugang und Wartezeiten für Behandlungen. 51 Prozent unterstützen überdies eine Optimierung der Behandlungs- und Servicequalität deutscher Praxen und Krankenhäuser.
Ferner steigen die privaten Ausgaben für die Gesundheitsversorgung: 44 Prozent der Teilnehmer gaben an, 2009 mehr für medizinische Produkte und Dienstleistungen gezahlt zu haben, als in vergangenen Jahren. Die Mehrheit beurteilt die staatliche Finanzierung des Gesundheitssystems kritisch und setzt zunehmend auf private Vorsorge – 51 Prozent fordern deshalb sinkende Kosten für medizinische Grundversorgung und Medikamente.
Die Umfrageteilnehmer äußern sich außerdem kritisch zum Umbau des deutschen Gesundheitssystems bei damit verbundenen Kosten. Obwohl ihnen die Grenzen der finanziellen Systembelastbarkeit bewusst sind, sprechen sich nur 30 Prozent für eine zusätzliche Leistungserbringung in privater Trägerschaft aus.
Neue Möglichkeiten
Das Internet bietet neue Möglichkeiten zur Gestaltung der medizinischen Versorgung: 40 Prozent der Deutschen haben Interesse an internetbasierten Systemen wie der elektronischen Patientenakte oder Lösungen zur Verwaltung von Arztterminen und Medikamentenbestellungen.
Über die Hälfte zeigt zudem Nutzungsbereitschaft für telemedizinische Lösungen zur Kommunikation mit ihrem Arzt. Ebenfalls wichtiger werden Online-Hilfsmittel, um Preise und Qualität von medizinischen Produkten und Dienstleistungen zu vergleichen oder zu bewerten sowie für gesundheitsbezogene Informationen.
Bisher nutzen deutsche Konsumenten solche Dienste noch wenig, denn 52 Prozent haben Bedenken bezüglich des Datenschutzes. Eine allgemeine Verfügbarkeit der elektronischen Gesundheitskarte als Träger dieser Mehrwertdienste würde die Unsicherheit bei rund 20 Prozent der Befragten reduzieren.
Weiterhin lässt sich ein Trend zu alternativen Behandlungsmethoden wie Akupunktur oder Homöopathie feststellen – jeder fünfte Befragte in Deutschland nutzt alternative Medizin zusätzlich zur traditionellen schulmedizinischen Behandlung oder ersetzt diese sogar ganz.
Gemischte Gefühle
„Die Deutschen haben im internationalen Studienvergleich eine kritische Einstellung zur Qualität ihres Gesundheitssystems“, sagt Olaf Radunz, Manager im Bereich Gesundheit bei Deloitte. Obwohl sie sich hochwertige und innovative medizinische Dienstleistungen bei sinkenden Kosten wünschen, sehen sie sowohl die finanzielle Nachhaltigkeit des Systems als auch strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen mit gemischten Gefühlen.
Radunz: „Politik, Leistungserbringer und Kostenträger sollten diesen Umstand als Chance für innovative und gleichzeitig vertrauensbildende Initiativen zur Entwicklung des Gesundheitssektors nutzen.“
tte/pan
|