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Ernst & Young: Aufschwung in Europa kommt erst Ende 2010

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16. April 2010
Die Konjunktur erholt sich nur schleppend. Laut einer aktuellen Prognose der Prüfungsfirma Ernst & Young wird das Bruttoinlandsprodukt in den Ländern der Eurozone dieses Jahr lediglich um ein Prozent wachsen. Für das kommende Jahr sagt Ernst & Young ein Wachstum von 1,6 Prozent voraus.

Der Aufschwung in der Eurozone ist im ersten Quartal 2010 ins Stocken geraten. Dafür gibt es nach Einschätzung von Ernst & Young mehrere Gründe, unter anderem der außerordentlich kalte Winter sowie der Wegfall staatlicher Unterstützungsprogramme für die Autoindustrie.

„Im weiteren Jahresverlauf werden wir eine Belebung des internationalen Handels aufgrund des Aufschwungs in den USA und Asien und darüber hinaus eine Zunahme der Binnennachfrage erleben. Dies wird für Wachstum in der Eurozone sorgen, wenn auch noch auf niedrigem Niveau“, sagt Herbert Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung von Ernst & Young.

„Die Rezession in der Eurozone mag vielleicht vorüber sein, aber wir erleben nur eine schwache Erholung. Der Wirtschaft stehen noch große Herausforderungen bevor, die durch die griechische Finanzkrise zusätzlich verschärft werden. Trotz einiger Lichtblicke erwarten wir eine vollständige Erholung nicht vor Mitte 2012 – fünf Jahre nach Beginn des weltweiten Abschwungs“, sagt Studienautor Paolo Zanghieri vom britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Oxford Economics.

Nord-Süd-Gefälle

Die Erholung wird durch unterschiedliche Wachstumsgeschwindigkeiten in den nördlichen und südlichen Ländern geprägt sein.

Die jüngsten Entwicklungen haben deutlich gemacht, vor welchen Herausforderungen Länder mit angespannten Staatsfinanzen stehen – nicht nur Griechenland, sondern auch Portugal, Spanien, Irland und, in geringerem Maße, Italien. Vor diesem Hintergrund prognostiziert Ernst & Young, dass die Schere zwischen Nord und Süd weiter auseinandergehen wird.

„Die Volkswirtschaften in Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern gewinnen bereits wieder an Fahrt, während das Wachstum in der Eurozone in den Mittelmeerländern und Irland durch die dortigen Bemühungen, die Haushaltsdefizite einzudämmen, beeinträchtigt wird“
, sagt Zanghieri.

„Das Wachstum in den Ländern des Mittelmeerraumes und in Irland wird den Prognosen zufolge im Zeitraum 2010-2012 durchschnittlich nur bei rund 0,6 Prozent liegen, während für Deutschland, Frankreich und die Benelux-Länder 1,8 Prozent erwartet werden“
, so der Experte.

In den fünf Jahren vor der Krise war es umgekehrt: Damals wuchsen die Volkswirtschaften Griechenlands, Irlands, Portugals und Spaniens zusammen pro Jahr um durchschnittlich 3,5 Prozent, wohingegen ihre nördlichen Nachbarn nur mit Wachstumsraten von weniger als zwei Prozent pro Jahr aufwarten konnten.

Wachstum in Deutschland

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird im laufenden Jahr bei 1,5 Prozent liegen und in den Folgejahren kontinuierlich weiter steigen. „Deutschland erweist sich derzeit als die Wachstumslokomotive Europas“, stellt Müller fest. Der Grund für diese Entwicklung sei die starke Exportorientierung der deutschen Wirtschaft, so Müller: „Die deutschen Unternehmen profitieren besonders stark von der positiven Entwicklung im außereuropäischen Ausland – wieder einmal erweist sich der Export für Deutschland als der entscheidende Wachstumstreiber“.

Weitere Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt werden sogar die stärksten Volkswirtschaften der Eurozone wie Frankreich und Deutschland beeinträchtigen. Die Prognose geht zwar nicht von einer raschen Zunahme der Arbeitslosigkeit aus, doch die Wirtschaft muss zunächst noch deutlich wachsen, bevor die Produktivität wieder ein Niveau wie vor der Krise erreicht und der Arbeitsmarkt sich allmählich erholen kann.

„Da das Vertrauen unter den europäischen Unternehmensverantwortlichen weiterhin relativ schwach ist, sind sie bei Investitionen und Einstellungen noch sehr zurückhaltend“, erklärt Müller.

Ernst & Young prognostiziert für die gesamte Eurozone für 2010 und 2011 einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf 17 Millionen – für Deutschland wird ein Anstieg der Arbeitslosenquote auf 7,9 Prozent erwartet.

Zanghieri ergänzt: „Obwohl das BIP in der Eurozone im Jahr 2009 um vier Prozent gesunken ist, gingen die Beschäftigungszahlen im letzten Jahr um weniger als 2 Prozent zurück. Staatliche Programme und der ausgeprägte Kündigungsschutz in der Eurozone haben dazu beigetragen, den Personalabbau während der Rezession einzudämmen. Wenn die europäischen Unternehmen allerdings wieder wettbewerbsfähig werden wollen, müssen sie ihr Personal noch weiter reduzieren. Wir gehen davon aus, dass dies in diesem und im nächsten Jahr passieren wird.“

Öffentliche Sparmaßnahmen

Eine Konsequenz aus der griechischen Finanzkrise für die gesamte Eurozone wird sein, dass die öffentlichen Sparmaßnahmen in den Einzelstaaten noch schneller als ursprünglich geplant eingeleitet werden müssen. Die Eurozone Forecast von Ernst & Young erwartet eine deutliche Senkung der Haushaltsdefizite – von durchschnittlich fast 7 Prozent des BIP in der Eurozone im Jahr 2010 auf weniger als 3 Prozent des BIP bis 2014. Dies wird zwangsläufig dazu führen, dass die Erholung auf mittlere Sicht gebremst wird.

Da die Regierungen in den Staaten der Eurozone sowie die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit vor großen Herausforderungen stehen, sollte sich die Politik laut der Prognose kurzfristig vor allem auf Wachstum und Beschäftigung konzentrieren. Die EZB sollte Zinserhöhungen auf einen späten Zeitpunkt im Jahr 2011 verschieben – vor allem, weil viele Banken kaum den Eindruck erwecken, ihre Zurückhaltung bei der Kreditvergabe in naher Zukunft aufgeben zu wollen.

„Den Volkswirtschaften in der Eurozone dürften in den kommenden Monaten noch so einige Irrungen und Wirrungen bevorstehen“, so Zanghieri. „Wenn die Zinssätze irgendwann wieder anziehen, dürften die Erhöhungen in kleinen Schritten erfolgen, da die EZB die Effekte berücksichtigen müssen wird, die sich aus dem Auslaufen staatlicher Konjunkturprogramme und dem zwangsläufig folgenden rigiden öffentlichen Sparkurs ergeben werden.“

Müller glaubt allerdings nicht, dass die Sparmaßnahmen der Länder ausreichen werden, um ein weiteres Anwachsen der Staatsverschuldungen zu verhindern. Wenn die Länder vermeiden wollen, dass ihre Verschuldung Größenordnungen erreichen, die die Kapitalmärkte nervös machen, werden sie um Steuererhöhungen nicht herum kommen. Diese werden dann ihrerseits bremsend auf die Wirtschaftsentwicklung wirken. Als ultima ratio wird man sich in eine höhere Inflation flüchten. Angesichts der jetzt schon extrem hohen Staatsverschuldungen besteht die Gefahr, dass die unheilvolle Spirale bereits begonnen hat.

Langfristig nur geringes Wachstum


Obwohl laut Ernst & Young ein erneutes Abgleiten in die Rezession nach nur kurzer Erholung unwahrscheinlich ist, kann dieses Szenario nicht ausgeschlossen werden: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone in der zweiten Jahreshälfte nach einer nur kurzen Erholung erneut in eine Rezession abgleitet, dürfte bei rund 20 Prozent liegen“, sagt Zanghieri.

Es bestehe die Gefahr, dass die Zweifel der Finanzmärkte an der Robustheit der öffentlichen Finanzen in Europa zu einem größeren Vertrauensverlust an breiter Front führen könnten. Laut Zanghieri bleibt Europa anfällig, sollte die Erholung auf globaler Ebene wieder an Kraft verlieren.

Wahrscheinlicher ist, dass die Erholung langsam voranschreiten wird. Bis 2012 dürften die Volkswirtschaften der meisten Länder der Eurozone wieder ein ähnliches Niveau wie vor Beginn der Krise erreicht haben. Dies würde jedoch auch bedeuten, dass die Eurozone hinter anderen wichtigen Wirtschaftsregionen in der Welt hinterherhinkt.

Müller stellt hierzu fest: „Die Finanzkrise und die nachfolgende Rezession in den westlichen Ländern haben den Abfluss von Kapital und Vermögen aus den entwickelten Industrieländern in die Wachstumsmärkte nur noch verstärkt. Ein Wachstum von zwei Prozent in der Eurozone ab 2012 ist gegenüber den Einbußen von vier Prozent im Jahr 2009 zwar eine große Leistung, die jedoch verblasst, wenn man bedenkt, dass die USA durchschnittlich mindestens drei Prozent erreichen und die Märkte in Asien sogar mindestens fünf oder sechs Prozent. Auf längere Sicht werden sich die europäischen Regierungen und staatlichen Entscheidungsträger überlegen müssen, wie sie diesen Rückstand aufholen können.“

Müller geht davon aus, dass sich die Unternehmen der reifen Volkswirtschaften immer stärker in Richtung Wachstumsmärkte orientieren. Sie werden vom Export immer stärker zur Produktion, Forschung und Entwicklung in den Wachstumsmärkten übergehen.

Müllers große Sorge gilt der schleichenden Verlagerung der Wertschöpfung weg von Deutschland. Die Politik sei aufgerufen, alles zu vermeiden, was die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen beeinträchtigt. Substanzsteuerelemente wie mangelnder Zinsabzug, gewerbesteuerliche Hinzurechnungen, mangelhafter Verlustvor- und –zurücktrag und die Besteuerung der Funktionsverlagerung müssen dringend beseitigt werden. Im Staatshaushalt muss Vorfahrt gelten für Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung.

Jedes Quartal

Ernst & Young will künftig jedes Quartal eine Prognose zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Eurozone veröffentlichen.

Die jeweiligen Studien basieren auf dem Prognosemodell der Europäischen Zentralbank und werden Oxford Economics erstellt. Die Studie liefert Hintergrundinformationen zu makroökonomischen Entwicklungen in der Eurozone insgesamt sowie in den 16 Einzelstaaten.

e&y/pan

 


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