|
Flaute auf dem deutschen Private-Equity-Markt: Gerade einmal 101 Deals zählten die Experten von Ernst & Young im zu Ende gehenden Jahr. Wert der Transaktionen: Schlappe 3,4 Milliarden Euro. Jetzt aber sei die Talsohle durchschritten, so die Wirtschaftsprüfer mit Blick auf eine heute veröffentlichte Studie.
Das gute wirtschaftliche Umfeld, zunehmende Aktivitäten in den vergangenen Wochen und ein starkes Wachstum auf den Private-Equity-Märkten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien – das alles veranlasst die Wirtschaftsprüfungsfirma, eine positive Prognose abzugeben: „Von nun an geht es aufwärts“, sagt Joachim Spill, Leiter des Bereichs Transaction Advisory Services bei Ernst & Young.
Aufs operative Geschäft konzentriert
Im Vergleich zum Krisenjahr 2009 habe sich die Ausgangslage inzwischen völlig verändert: Im Verlauf des Jahres 2010 haben sich sowohl Unternehmen als auch Investoren ganz auf das operative Geschäft bzw. die bestehenden Portfolio-Unternehmen konzentriert – mit sehr positiven Ergebnissen. „Die Umsatz- und Gewinnentwicklung zeigt inzwischen steil nach oben, damit steigen auch die Unternehmenswerte“, so Spill.
Nun würden in den kommenden Monaten vermehrt Private Equity-Häuser versuchen, davon zu profitieren und ihre Beteiligungen gewinnbringend zu veräußern, so der Experte.
Angesichts der guten Lage dürften die Verkäufer nun auch wieder vernünftige Preise erzielen. „Damit wird wieder Kapital frei für neue Investitionen“, so Spill weiter. Gerade die großen angelsächsischen Beteiligungsgesellschaften hätten ihre Portfolio-Unternehmen „in Schuss gebracht“ und würden ihre Kräfte in absehbarer Zeit wieder auf neue Akquisitionen konzentrieren.
Keine Rückkehr zum Niveau der Boomjahre
Neue Investitionen in Deutschland sind nach Meinung von Spill nur noch eine Frage der Zeit. Großvolumige Transaktionen werden aber mittelfristig die Ausnahme bleiben. Eine Rückkehr zum Niveau der Boomjahre hält Spill für ausgeschlossen.
Die schwache Entwicklung auf dem deutschen Private Equity-Markt im Jahr 2010 sei kein Zeichen mangelnder Attraktivität des deutschen Marktes, auch sei die Finanzierung von Transaktionen durchaus wieder möglich. Allerdings stünden derzeit kaum attraktive Zielunternehmen zum Verkauf, so Wolfgang Taudte, Partner bei Ernst & Young.
„Es gibt derzeit nicht viele interessante Zielunternehmen – zudem liegen die Preisvorstellungen von Investoren und potenziellen Verkäufern oft weit auseinander“. Immer häufiger laufen Verkäufe deshalb im „dual track“ Verfahren, wobei alternativ zum Verkauf an ein anderes Unternehmen oder einen Finanzinvestor auch der Börsengang geprüft wird. „Aufgrund der derzeit attraktiven Börsenbewertung kann der Börsengang eine interessante Exit-Alternative sein“, so Taudte.
Exit über die Börse wieder grundsätzlich möglich
Im Jahr 2010 haben sich Private Equity-Gesellschaften von 58 deutschen Beteiligungen getrennt (2009: ebenfalls 58 Exits) – durch einen Verkauf an einen strategischen Investor oder durch Weiterverkauf an eine andere Beteiligungsgesellschaft (Secondary Buyout).
Im zweiten Halbjahr war allerdings auch bei den Exits ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen – von 39 Transaktionen in den ersten sechs Monaten auf 19 in der zweiten Jahreshälfte. Zum ersten Mal seit Ende des Jahres 2007 gelangen im Jahr 2010 auch wieder Ausstiege über einen Börsengang: Drei Beteiligungen wurden im ersten Halbjahr erfolgreich an die Börse gebracht.
Die Erlöse bei diesen Beteiligungsverkäufen sind gesunken: von 7,6 auf 6,9 Milliarden Euro. Besonders kritisch gingen dabei die Beteiligungshäuser an neue Deals heran: Die 21 Weiterverkäufe an andere Beteiligungsfirmen brachten nur 1,5 Milliarden Euro ein – nach 4,9 Milliarden im Vorjahr.
Geschäftsmodell im Wandel
In der Krise haben sich die Rolle und das Selbstverständnis der Privat Equity-Häuser stark gewandelt: „Das reine Deleveragen, also das Erzielen der Erträge vor allem durch finanzielle Hebel, ist vorbei“, sagt Spill. Nun stünden zunehmend auch der Einstieg über Minderheitsbeteiligungen und die Umsetzung wirklicher operativer Verbesserungen im Vordergrund. „Der Investor muss seine Beteiligungsunternehmen über längere Strecken begleiten, sich stark im operativen Geschäft einbringen und Verbesserungs- und Kosteneinsparpotenziale identifizieren und heben“, so Spill.
Nicht nur Private Equity Häuser, auch strategische Investoren hielten sich 2010 weitgehend zurück: Die Zahl der M&A-Deals (ohne Private Equity) in Deutschland stieg nur leicht um 10 Prozent von 263 auf 290. Allerdings war beim Transaktionswert ein Anstieg von 21,4 auf 26,4 Milliarden Euro zu verzeichnen.
Auch im M&A-Segment wird es nach Ansicht von Spill im Jahr 2011 aufwärts gehen. Der Experte berichtet von zunehmenden Aktivitäten, die sich jedoch noch nicht in der Zahl der getätigten Abschlüsse widerspiegeln. Ab dem Frühjahr 2011 sollte der M&A-Markt aber insgesamt wieder an Dynamik gewinnen. Angesichts des überraschend starken Wirtschaftsaufschwungs in Deutschland der erheblichen Barreserven vieler Unternehmen würden Fusionen und Übernahmen wieder stärker in den Fokus geraten, so Spill.
Risikobereitschaft der Banken
Langsam werde es auch wieder einfacher, Banken zu finden, die Mittel für eine Transaktion zur Verfügung stellen. Im Ausland gab es schon wieder zahlreiche sehr große Transaktionen, die von den Banken mitfinanziert wurden, in Deutschland sei allerdings „die Risikobereitschaft der Banken noch nicht getestet worden“, so Taudte.
Die Finanzierungsbedingungen sind zudem nicht vergleichbar mit den Boomjahren 2005/2006: „Während die Investoren damals im Durchschnitt etwa 35 Prozent des Kaufpreises an Eigenkapital aufbringen mussten, sind es derzeit etwa 40 bis 50 Prozent“, sagt Taudte.
pan
|