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Ernst & Young: Deutschland bleibt weiter auf Wachstumskurs

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20. Juni 2011

Zwei Experten, drei Meinungen? Verschiedenen Prognosen zufolge verliert der Aufschwung auch in Deutschland an Tempo. Ernst & Young hält dagegen: Der Wachstumstrend sei stabil, heißt es in einer heute veröffentlichten Analyse der Wirtschaftsprüfungsfirma. Aber: Die Prüfer warnen auch vor „erheblichen Risiken“ für die Konjunktur.

Laut Ernst & Young wird die deutsche Wirtschaft auch in diesem Jahr wachsen. Das Plus werde 3,5 Prozent betragen genauso viel wie 2010. Damit liegen die Deutschen deutlich über dem Durchschnitt in der Eurozone. Der Prognose zufolge beträgt dieser lediglich 1,9 Prozent.

Export bleibt weiter Konjunkturmotor

Die wirtschaftliche Entwicklung werde vor allem vom Export angetrieben, heißt es weiter in der Analyse mit dem Titel „Ernst & Young Eurozone Forecast“. Das Exportwachstum von zurzeit 8,1 Prozent werde aber bereits 2012 auf 5,8 Prozent zurückgehen. Dennoch werde die deutsche Wirtschaft bis 2015 um jeweils etwa zwei Prozent pro Jahr wachsen.

„Deutschland erntet nun die Früchte der umfangreichen und einschneidenden strukturellen Reformen der letzten zehn Jahre“ sagt Georg Graf Waldersee, Vorsitzender der Geschäftsführung von Ernst & Young.

Diese Reformen haben vor allem die wirtschaftliche Ertragskraft verbessert. Dies dürfte ein Grund für den sprunghaften Anstieg der Investitionen seit Beginn des Aufschwungs sein. Das Investitionsvolumen wird 2011 um 7,1 Prozent und in den Jahren 2012 bis 2015 um durchschnittlich 4,3 Prozent ansteigen.

Auch hier hebt sich Deutschland von den anderen Ländern der Eurozone ab: In der Eurozone werden die Investitionen 2011 nur um 2,3 Prozent steigen. „Für die Zukunft erwarten wir weiterhin eine deutliche Zunahme der Investitionsausgaben“, so Graf Waldersee weiter. „Trotz des unsicheren Umfelds  glauben viele Unternehmen an einen nachhaltigen Aufschwung und stellen sich auf eine weiterhin hohe Nachfrage ein.“

Starkes Plus bei der Beschäftigung

Ein weiteres Zeichen für das Vertrauen der Unternehmen in die Nachhaltigkeit des Aufschwungs ist das Beschäftigungswachstum. Im ersten Quartal 2011 gab es 559.000 mehr Beschäftigte als im Vorjahresquartal.

Die Arbeitslosenquote sinkt laut Ernst & Young in diesem Jahr auf 6,2 Prozent und bis 2015 weiter auf 5,4 Prozent.  Damit sei vermutlich in vielen wirtschaftsstarken Regionen die Vollbeschäftigung erreicht. „Die positiven Aussichten vieler Unternehmen werden jetzt nur noch durch den Fachkräftemangel getrübt“, so Graf Waldersee.

Die Produktivität der deutschen Wirtschaft wird trotz des Beschäftigungswachstums weiter steigen: „Anders als in anderen Ländern der Eurozone ermöglicht das starke Wirtschaftswachstum in Deutschland den Unternehmen Produktivitätssteigerungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Mitarbeiterzahlen“, sagt Clemens Fuest, Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Ernst & Young.

Wegen des stark gestiegenen Bruttoinlandsprodukts (BIP) sind die Steuereinnahmen weitaus höher ausgefallen als geplant. Das Haushaltsdefizit im Jahr 2010 lag entgegen allen Erwartungen bei nur 3,3 Prozent. Laut Ernst & Young wird sich das Defizit in diesem Jahr weiter auf 2,3 Prozent des BIP verringern, wobei gute Chancen bestehen, dass es sogar noch geringer ausfällt. Im Jahr 2012 wird es demnach sogar nur bei 1,5 Prozent liegen. „Das verfassungsrechtlich vorgeschriebene Ziel, den Bundeshaushalt bis zum Jahr 2016 auszugleichen, rückt damit in greifbare Nähe“, kommentiert Fuest.

Kauflust der privaten Haushalte gedämpft

Voraussetzung für ein nachhaltiges Wachstum wäre, dass einige der Vorteile des starken Aufschwungs an die privaten Haushalte weitergegeben werden. Bis jetzt hatte die äußerst positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung jedoch noch kaum spürbare Auswirkungen auf die privaten Konsumausgaben in Deutschland. Im vierten Quartal 2010 war der private Konsum nur 1,4 Prozent höher als im Vorjahresquartal, während das BIP in diesem Zeitraum um vier Prozent zugelegt hat. Im letzten Jahr begannen private Verbraucher immerhin erstmals wieder, einen größeren Teil ihres Gesamteinkommens auszugeben, während sich die Sparquote in der Krise erhöht hatte.

Im Jahr 2010 waren die Nettorealeinkommen aufgrund der relativ hohen Inflation nicht gewachsen. Daran wird sich voraussichtlich auch in diesem Jahr nichts ändern: 2011 werden die Durchschnittslöhne je Arbeitnehmer um 2,3 Prozent steigen, was ungefähr dem Vorjahreswert entspricht. Die Inflationsrate, die in diesem Jahr bei durchschnittlich 2,5 Prozent liegen wird, wird diesen Anstieg allerdings mehr als aufheben.

Dementsprechend wird der private Konsum weiterhin nur geringfügig steigen: um 1,7 Prozent im Jahr 2011, und in den Jahre 2012 bis 2015 um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr. „Die gute Wirtschaftsentwicklung wird sich vorläufig nicht in höheren Nettoeinkommen und höheren Konsumausgaben niederschlagen“, sagt Fuest. Einen nachhaltigen Wachstumsbeitrag werden die Privathaushalte also vorerst nicht leisten.

Auswirkungen der Schuldenkrise

Erhebliche Risiken für die Konjunkturentwicklung gehen von der Staatsschuldenkrise aus. EU und IWF haben Griechenland zwar weitere Hilfen in Aussicht gestellt. Das ist aber an die Bedingung geknüpft, dass Griechenland seine Anstrengungen zur Sanierung des Staatshaushalts steigert. Derzeit ist unklar, wie lange es dafür in Griechenland noch politische Mehrheiten gibt.

„Eine ungeordnete Insolvenz Griechenlands könnte dazu führen, dass die Krise auf andere Mitgliedstaaten der Eurozone übergreift, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Wirtschaft im Euroraum“, so Fuest.  

Selbst wenn dies zunächst durch neue Kredite verhindert werde, bleibt die Schuldenkrise ein Hemmschuh für die wirtschaftliche Erholung: „So lange kein Konzept für eine dauerhafte Lösung der Verschuldungskrise erkennbar ist, wird die Konjunktur in den Peripheriestaaten weiter schleppend verlaufen“, sagt Fuest.

e&y/pan

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