Chicago/Düsseldorf, 12. Juli 2006 – pan. Die 180 stimmberechtigten Anteilseigner der US-Beratungsfirma A.T. Kearney haben am vergangenen Wochenende den Amerikaner Paul Laudicina (Foto: A.T. Kearney) zum neuen Weltchef gewählt. Der 56-jährige US-Bürger übernimmt am 1. September 2006 das Steuer bei der traditionsreichen Beratungsfirma.
Der designierte Chairman und Managing Officer, so sein offizieller Titel, gehört zur Führungsriege um den noch bis Ende August amtierenden Weltchef Heinz-Ludwig („Henner“) Klein.
Der 61-jährige Deutsche Klein, der seit Dezember 2003 an der Spitze der Firma steht, werde weiter als Berater für A.T. Kearney tätig sein, heißt es in der Mitteilung des Unternehmens.
Laudicina ist anders als sein Vorgänger kein in der Wolle gefärbter Management Consultant. Bevor der Wissenschaftler 1991 zu A.T. Kearney stieß, hatte er sich einen Namen als hervorragender Forscher und einflussreicher politischer Berater gemacht. So zählte er zu den führenden Köpfen von SRI International, einem Think Tank, der aus dem ehemaligen Stanford Research Institute hervorgegangen ist. Er ist Mitglied zahlreicher politischer Zirkel in den USA, etwa des “Council on Excellence in Government” oder des “Council on Foreign Relations”.
Großer Einfluss
Seine exzellenten Kontakte in Kreisen der internationalen Politik nutzte er geschickt zum Aufbau des „Global Business Policy Council“, einer in der US-Hauptstadt Washington ansässigen Abteilung von A.T. Kearney, wo eine Handvoll Spezialisten weltwirtschaftliche Trends analysiert und hochkarätige Veranstaltungen für internationale Topmanager organisiert. Laudicina berät die Klienten von A.T. Kearney unter anderem beim Management von Risiken. Daneben koordiniert der Consultant die Beziehungen zu internationalen Organisationen, etwa dem „World Economic Forum“ in Davos.
Der Einfluss, den dieser Mann auf die Spitzen der globalisierten Wirtschaft ausübt, ist erheblich. Das amerikanische Fachblatt Consulting Magazine porträtierte Laudicina im vergangenen Jahr als einen „Vordenker“ der Branche. Laudicina ist Autor diverser Artikel und Bücher, zuletzt etwa World Out of Balance (bei Campus erschienen unter dem Titel: Trendbuch International. Wie Ihr Unternehmen von Wandel profitiert).
Die Meldung über diesen Führungswechsel ist mehr als nur eine Personalie. Die Vorgänge werfen ein Schlaglicht auf die einschneidenden Veränderungen, die das 1926 von Oscar McKinseys Weggefährten Andrew Thomas Kearney gegründete Beratungshaus in den letzten Jahren durchgemacht hat.
Türöffner für EDS
Die Partner um den ehemaligen Kearney-Chef Fred Steingraber hatten die Firma 1995 für rund 600 Millionen Dollar an den texanischen IT-Dienstleister EDS verkauft und so zunächst das Fundament für ein starkes Wachstum und eine enorme internationale Expansion gelegt. Bereits drei Jahre nach dem Verkauf erwirtschafteten die rund 3000 Consultants rund 1,3 Milliarden Dollar Honorarumsatz.
Die Bindung an EDS und die Tatsache, dass die Consultants nicht mehr als neutraler Berater, sondern als Türöffner und Absatzförderer für die Produkte der Muttergesellschaft gesehen wurden, hatte jedoch für A.T. Kearney in den vergangenen Krisenjahren geradezu katastrophale Folgen: Der Umsatz schrumpfte rapide auf zuletzt rund 800 Millionen Dollar, das Spitzenpersonal wechselte in Scharen zur Konkurrenz.
Zu allem Überfluss befand sich auch die Muttergesellschaft in erheblichen Turbulenzen. Vergeblich suchte das EDS-Management nach einem Käufer für die tief in den roten Zahlen steckende Consultingtochter. Die Chefs der Konkurrenzfirma Monitor Group signalisierten zunächst Interesse, winkten aber nach genauer Prüfung der Dinge ab.
Quälender Prozess
Nach einem langen, quälenden Prozess gelang es Henner Klein Ende des vergangenen Jahres, eine genügend große Anzahl von Partnern für einen Rückkauf der Firma zu gewinnen. Klein habe "das Unternehmen durch schwierige Zeiten geführt", heißt es auch in der Mitteilung von A.T. Kearney, in der der scheidende Kearney-Chef mit der Äußerung zitiert wird, dass es den Beratern durch den Management Buyout gelungen sei, "die Ergebnisse gegenüber den Vorjahren signifikant zu verbessern."
Klein angeblich krank
Dass der Turnaround schon gelungen sei, bezweifeln viele, die das Unternehmen von innen kennen : "A.T. Kearney hat den größten Teil seiner Leistungsträger an die Konkurrenz verloren", so ein ehemaliger leitender Mitarbeiter der Firma, der nicht genannt werden will. Andere verweisen auf den angeblich angeschlagenen Gesundheitszustand von Klein als zusätzlichen Grund für den Wechsel an der Spitze.
Gegenüber ConsultingStar.com trat Zentraleuropa-Chef Dietrich Neumann den Gerüchten entgegen. Klein gehe es gut, und gemeinsam mit Laudicina werde es A.T. Kearney gelingen, wieder an alte, gute Zeiten anzuknüpfen, so der Consultant.
|