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Ernst & Young: Westeuropa gewinnt an Attraktivität

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5. Juni 2009

Unerschlossene, riesige Märkte, zweistellige Wachstumsraten: In den vergangenen Jahren war viel von den dynamischen Schwellenländern die Rede. Dagegen galten die Staaten Westeuropas in Kreisen internationaler Investoren eher als Standorte der Vergangenheit. Eine neue Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young zeigt, dass hier eine Trendwende eingeleitet worden ist.

Für die Studie hat Ernst & Young Entscheider von mehr als 1000 internationalen Unternehmen befragt. Ergebnis: In der Wertschätzung der Manager hat Westeuropa Boden gut gemacht. Dagegen verlieren die Schwellenländer Sympathien. Vor allem China stürzt in der Gunst der Befragten ab. Nur jeder Dritte halte China noch für einen Top-Standort, so Ernst & Young. Im Vorjahr waren es noch fast die Hälfte der Manager.

Paradoxes Ergebnis

Das schlechtere Abschneiden der Schwellenländer steht im Gegensatz zu der zumeist positiven Wirtschaftsentwicklung in diesen Staaten. „Die aktuelle Krise ist vor allem eine Krise des Westens. Während die Wirtschaft in den Industriestaaten zum Teil erheblich schrumpft, wächst sie in China und Indien weiter. Und dennoch verlieren diese Länder für internationale Unternehmen an Attraktivität“, sagt Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young.

Der Hauptgrund für die gesunkene Attraktivität der Schwellenländer sei die relativ schwierige Verfassung der befragten Unternehmen selbst, die zu einem großen Teil aus den westlichen Industrieländern stammen. „Viele Unternehmen sind derzeit in erster Linie damit beschäftigt, das eigene Überleben zu sichern und die bestehenden Märkte zu verteidigen. Expansion und Auslandsinvestitionen zur Erschließung neuer Märkte stehen bei den wenigsten auf der Agenda. Die Zeit für weitere Globalisierungsinvestitionen scheint vorerst vorbei – und damit sinkt auch das Interesse an den ‚neuen’ Märkten, wodurch diese kurzfristig an Attraktivität verlieren.“

Auf mittlere Sicht werden China, Indien und die übrigen Schwellenländer aber wieder deutlich an Attraktivität gewinnen, ist sich Englisch sicher: Auf die Frage, welche Länder und Regionen mittelfristig – in den kommenden drei Jahren – besonders attraktiv sein werden, nennen jeweils gut die Hälfte der Befragten China und Mittel- und Osteuropa. Indien liegt mit 48 Prozent nur knapp dahinter. Westeuropa wird hingegen nur von 39 Prozent der Befragten genannt. „Vor allem China und Indien bieten das, was Investoren suchen: große unerschlossene Märkte und damit erhebliche Wachstumspotenziale. Da können die etablierten großen Industrienationen wie die USA und Deutschland schlichtweg nicht mithalten“, so Englisch.

Stärkster Standort in Europa

Aus Sicht der Befragten kann sich der Standort Deutschland trotz der Wirtschaftskrise als Top-Standort in Europa behaupten: 86 Prozent der Befragten sind zuversichtlich, dass Deutschland die Krise erfolgreich bewältigen kann. Und 43 Prozent sind der Meinung, dass Deutschland unter allen europäischen Ländern die besten Voraussetzungen habe, um die Krise zu bewältigen. Dass Großbritannien oder Frankreich besonders gut mit der Krise umgehen können, glauben hingegen nur elf bzw. neun Prozent der Manager.

„Blickt man auf die aktuelle Wirtschaftsentwicklung, scheint Deutschland eher der Hauptverlierer der Krise zu sein als der Gewinner – kaum ein anderes Land in Europa erlebt aktuell einen derart starken Einbruch der Wirtschaft“, gibt Englisch zu bedenken. Offensichtlich geht aber die Mehrheit der Befragten davon aus, dass die Krise in einem überschaubaren Zeitraum überstanden sein wird. Und sie trauen Deutschland zu, trotz der aktuell sehr schwierigen Lage gerade in der Industrie den Abschwung zu meistern und relativ stabil durch die Krise zu navigieren.

„Möglicherweise genießt Deutschland bei ausländischen Unternehmen ein so hohes Vertrauen, weil der Standort in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass er schwierige Situationen erfolgreich meistern kann“, so Englisch. Beispiele seien die Bewältigung der deutschen Vereinigung mit ihren erheblichen ökonomischen Belastungen, aber auch die Fitnesskur, der sich das Land unterzogen hat – Stichworte: Abbau des Haushaltsdefizits, Agenda 2010, Senkung der Lohnstückkosten.

Zwei Szenarien

Ist das Vertrauen der Manager in den Standort Deutschland gerechtfertigt? Englisch unterscheidet zwei mögliche Szenarien: „Falls die Weltwirtschaft bereits im Jahr 2010 wieder ein positives Wachstum aufweist und die Globalisierung wieder an Fahrt gewinnt, würde sich Deutschland wahrscheinlich schneller erholen als die westeuropäischen Nachbarn, die zum Teil schwierige strukturelle Anpassungsprozesse insbesondere auf den Immobilienmärkten vor sich haben“.

Im Fall einer länger andauernden Krise stünde Deutschland aber vor erheblichen Problemen, so Englisch: „Wie lange kann die deutsche Industrie, wie lange können die deutschen Industrieunternehmen diese Durststrecke noch überstehen, ohne dass es zu massiven und auch in einer Aufschwungphase nicht mehr zu kompensierenden Ausfällen kommt?“ Unbedingt müsse verhindert werden, dass der Standort Deutschland strukturell geschädigt werde, so Englisch.

Aus Sicht der Befragten besteht allerdings kein Grund zur Sorge – im Gegenteil: Die Attraktivität des Standorts Deutschland steigt weiter. In keinem der untersuchten Standortfaktoren schneidet Deutschland schlechter ab als im Vorjahr. In den meisten Fällen erhält der Standort sogar deutlich bessere Noten. Gute Noten erhält Deutschland vor allem für die Infrastruktur (Telekommunikation und Transport & Logistik). Auch die Lebensqualität, das soziale Klima und die Qualifikation der Arbeitnehmer werden von den befragten Managern sehr positiv gesehen. Relativ schlecht bewertet wird der Standort Deutschland insbesondere in Bezug auf die mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts und die Arbeitskosten.

Auch die Zukunft des Standorts Deutschland wird überwiegend positiv gesehen: 37 Prozent der Befragten erwarten, dass Deutschlands Attraktivität in den kommenden drei Jahren zunehmen wird, nur elf Prozent erwarten eher eine negative Entwicklung.

Direktinvestitionen steigen trotz Krise

Die von den Managern in der Umfrage gefühlte Attraktivität des Standorts Deutschland deckt sich nicht ganz mit den für die Studie erhobenen Zahlen zu Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen in Europa. Danach konnte Deutschland 2008 nur zehn Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Europa auf sich vereinigen. Damit lag Deutschland mit deutlichem Abstand hinter Großbritannien (Marktanteil: 18 Prozent) und Frankreich (14 Prozent). Anders als diese Länder konnte Deutschland aber einen deutlichen Zuwachs um 28 Prozent bei der Zahl der Investitionsprojekte verzeichnen. Und die Zahl der bei diesen ausländischen Investitionen geschaffenen Arbeitsplätze verdoppelte sich sogar fast: Sie stieg von knapp 6.000 im Jahr 2007 auf 11.400 im vergangenen Jahr.

Das relativ schwache Abschneiden Deutschlands in dieser Statistik ist zum Teil auf Probleme bei der Erfassung von Investitionsprojekten zurückzuführen: „Wir haben in Deutschland im Bereich der Direktinvestitionen eine hohe Dunkelziffer. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir eine andere Offenlegungskultur haben, eine wesentlich schlechtere als beispielsweise die angelsächsischen Länder. Viele Investitionsprojekte bleiben unveröffentlicht", sagt Englisch.

e&y/pan

 


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